Die erste Kurzgeschichte, die ich euch zeigen möchte, hört auf den Namen „Das Haus“.
Geschrieben habe ich „Das Haus“ als kleinen Beitrag für eine Art Schreibwettbewerb im Forum der Schreibsoftware Papyrus. Aufgabe war, eine Geschichte aus der Sicht eines alten Hauses mit tragischer Vergangenheit zu schreiben.
Gewonnen habe ich damals (verdammt, Oktober ’23 ist ja auch schon wieder eine Weile her) zwar nicht, aber trotzdem find’ ich die Geschichte zu schade, um sie in den Tiefen der Forenbeiträge der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.
Ich wünsche euch also viel Spaß damit, und freue mich natürlich über Rückmeldungen.
Das Haus
Seit Anbeginn der Zeit, erzählt die Menschheit sich bereits Geschichten von dunklen, unheimlichen Orten. Orte, die so unerklärlich furchteinflößend sind, dass man davon ausgehen müsse, dass das absolute, das unermesslich Böse an ihnen herrsche.
Waren es am Anfang vor allem noch Höhlen und Wälder, wurden es später vor allem alte und verfallene Schlösser, also Ruinen und teils sogar Schiffe, denen man Geschichten über unerklärliche Vorgänge und Geister zuschrieb.
So lang die Liste bereits ist, so unvollständig ist sie auch ohne Erwähnung der ganzen Häuser, die nie lang bewohnt bleiben, weil es in ihnen spuken würde. Das ehemals so prunkvolle Hotel Astoria in Leipzig will ich hier als eine der bekannteren Erzählungen erwähnen, in deren Schatten viele kleinere Häuser geradezu verblassen.
Häuser wie jenes kleine verwittert wirkende Anwesen am hinteren Ende des Rabenweges. Selbst in der kleinen verschlafenen Stadt, in der es sich befindet, wissen nur wenige von seiner Existenz und auch ihr musstet eine Ewigkeit nach diesem Haus suchen. Aber was für Spezialisten für paranormale Ereignisse und unerklärliche Phänomene wärt ihr auch, wenn ihr nicht einmal ein kleines Haus finden könnt, oder? Ich meine, die wenigsten Häuser sind dafür bekannt, Suchenden davonzulaufen.
Ihr habt das Haus gesucht, und ihr habt das Haus gefunden.
Mit sechs Leuten seid ihr aufgebrochen, um dieses Haus zu untersuchen, nach welchem ihr so lange gesucht hattet. Sechs Leute. Eigentlich hattet ihr eine Person mehr sein wollen, nein ihr hättet mehr sein SOLLEN. Aber eure siebte Person musste ja unbedingt aufgrund der Folgen eines schweren Autounfalls leider absagen.
Welch eine Ironie des Schicksals, oder? Die Person, die euch fahren sollte, durch eine lebensgefährliche Verletzung dem sicheren Tod entronnen. Nun gut, überleben halt zwei von euch, anstatt nur einer Person. Unschön, aber solche Dinge passieren. Zumindest habt ihr nicht alle überlebt, DAS wäre richtig ärgerlich gewesen.
Zum Glück habt ihr nicht auf die Leute gehört, die euch davor gewarnt haben, dieses Haus am Ende des Weges zu betreten. Und gewarnt haben sie euch alle. Nicht viele wussten davon, und noch weniger waren dazu bereit, ihr Wissen mit euch zu teilen, aber eines hatten sie alle gemein. Sie alle haben euch gewarnt. Selbst jene, die angeblich nichts wussten, versuchten es euch auszureden.
Aber ihr wolltet nicht hören. Nein, ihr wolltet euch unbedingt beweisen. Ihr wolltet unbedingt die Menschen sein, die nachweisen konnten, dass es Fluch und Spuk, dass es diese Dinge tatsächlich gibt. Davon konnten euch weder all die Warnungen abhalten, noch die ganzen Bälle, Frisbees und andere Spielzeuge, die im Laufe der Jahre von unachtsamen Kindern über die Zäune geworfen, aber nie abgeholt worden sind. Spätestens DAS hätte euch eine Warnung sein sollen, denn Kinder lassen nie ihre Spielzeuge zurück, wenn sie es nicht unbedingt müssen, und selbst dann …
Aber nein, ihr wolltet unbedingt beweisen, dass es das eine, das absolute Böse gibt. Nicht einmal die vielsagenden mitleidvollen Blicke der Nachbarn oder das hektische Winken der besorgten Briefträgerin ein paar Häuser weiter konnte euch davon abhalten, dieses Haus zu betreten, das ihr doch schon so lange gesucht hattet.
Nein, ihr wolltet das unbedingt. Hier und da gab es zwar das ein oder andere zögerliche Bedenken, die vom Rest der Gruppe aber immer sofort im Keim erstickt worden sind, sobald sie geäußert wurden. Nein, die anderen und du, ihr wolltet das unbedingt.
Und so standet ihr dann, eine Woche später als geplant – schließlich musstet ihr neue Autos mieten – vor dem Haus. Vollbepackt mit Koffern voller elektrischer Geräte, die euch dabei helfen sollten, elektrische und magnetische Werte verschiedenster Arten und Ausprägungen aufzuspüren, zu messen und zu dokumentieren, trat einer nach der anderen durch die schwergängige knarzende Tür und über die über viele Jahre hinweg abgetretene Schwelle in das Haus. Ihr dachtet, ihr hättet das Haus gefunden, aber in Wirklichkeit hat das Haus auf euch gewartet, und es war dabei überaus geduldig. Über zwei Jahrzehnte hat es darauf gewartet, dass einer von euch jenes Versprechen eingelöst, welches einst gegeben wurde. Und mal ehrlich, du weißt genauso gut wie ich, wer dieses Versprechen damals gegeben hat, oder glaubst du etwa an Zufälle?
Also ich nicht.
Aber gut, das Versprechen wurde gehalten. Ihr seid hier aufgetaucht, und nun sind fast alle von euch tot. Einer hat sich vor lauter Angst selbst erhängt, das Pärchen hat sich gemeinsam vom Dach gestürzt, und die anderen beiden hast du erlösen müssen. Erlösen von dem Wahn, in dem sie sich gegen dich verschworen hatten, um dich zu töten. Es war also Notwehr. Es hieß du oder sie, und du hattest kein Interesse, dich ihrem Urteil zu beugen.
Als sechs Freunde seid ihr gekommen, zu sechs Feinden im Wahn seid ihr geworden, inzwischen sind alle tot.
Nur du lebst noch. Du und diese siebte Person, die wahrscheinlich noch immer im Krankenhaus liegt. Diese Person, die nur dadurch überleben wird, dass sie fast gestorben wäre.
Ironie des Schicksals, ich sagte es bereits.
Und noch etwas sage ich dir, dem Menschen, der diese meine Zeilen nun liest.
Hör auf meinen Rat und … Lauf!
Lauf, so schnell du kannst.
Lauf und dreh dich nicht um.
Dreh dich nicht um, sondern lauf.
Lauf fort, und lebe dein Leben.
Um dein Vergessen hier, kümmer’ ich mich, so wie ich mich bisher immer gekümmert habe. Der Geruch des von dir verbrannten Fleisches wird verfliegen, und die von dir ausgehobenen Gräber werden sich dem Grase angleichen, bevor sie sich von ihm überwuchern lassen. Den Rest erledige ich zusammen mit meiner guten Freundin, der Zeit.
Auch du wirst mich wieder vergessen, wie schon beim ersten Mal. Du wirst vergessen, und du wirst hierher zurückkehren. Ein letztes erstes Mal. Und wieder wirst du neue Opferlämmer zur Schlachtbank führen. Doch dieses erste Mal wird es dein letztes Mal sein. Gräme dich nicht, sondern zeig’ Freude und Dankbarkeit. Die meisten betreten das Haus nur einmal, verlassen es aber nie wieder. Nur jene, die sich würdig zeigen, nur jene, die sich dem Haus gegenüber beweisen, dürfen es auch wieder verlassen. Sie dürfen das Haus verlassen und ihr Leben weiterleben, als sei nichts gewesen. Doch wie alles im Leben, so hat auch die Gunst des Hauses ihren Preis. Den Preis der Wiederkehr, und den Preis der Opfer, die ihr bringen müsst. Ihr, die ihr euch als würdig erweist, ihr kommt als junge Menschen, ihr kommt als Erwachsene und ihr kommt, wenn noch etwas anderes gekommen ist … eure Zeit, euer Ende. Doch wie auch du bei deinem ersten Mal an die Stelle eines anderen getreten bist, so wird auch dich jemand beerben.
Wann? Nun, das wird sich zeigen. Wenn die Zeit reif ist, wenn die Zeit der erneuten Ernte gekommen ist, dann werde ich dich rufen. Ich werde dich rufen, und du wirst folgen.
Mit deinen Tributen wirst du wieder vor meiner Tür stehen, und aus eben jenen Tributen werde ich dann ebenso deinen Erben und Henker wählen, wie ich es einst auch bei dir getan habe. So wie ich es seit jeher getan habe und so wie ich es auch weiterhin tun werde, bis die Zeit, meine Zeit, ihren letzten Tribut fordert.
Aber auch dann wird mir wieder etwas einfallen.
Denn ICH bin das Haus, und das Haus … gewinnt … IMMER!
Patricius de Corax
Grundlage für das Beitragsbild: Johannes Krasser auf Pixabay






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